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Netlabels, Netaudio & Creative Commons Musik
Titelbild Geschichte // Netzkultur // Netlabel // Netaudio

Geschichte // Netzkultur // Netlabel // Netaudio

Die Entstehungsgeschichte der freien Netlabel-Kultur

Artikel über die Entstehung der Netlabels und Netaudio-Kultur mit Zitaten und Originalbildern.

Schlagworte: netlabel, netaudio, geschichte, fakten, hintergrundinformaitonen

Die globale Vernetzung via WWW wirbelte in den letzten Jahren massiv die Industrie und Musikszenen durcheinander. Mit dem derzeitigen Boom der Internet-Labels, hochentwickelter Mix-Software und nicht zuletzt dank preiswerten Webspaces bahnt sich eine leise Musik-Revolution an.

Text: Moritz »mo.« Sauer

Am Anfang war das Format...

Die ersten Grundweichen für den Austausch von Musik auf elektronischen Wegen legte Karsten Obarski. Er entwickelte das Sequenzer-Programm “Ultimate Soundtracker” für den Amiga. Mit Hilfe des Ultimate Soundtrackers konnten Computer-Freaks leicht 8-bit-Mono-Samples auf vier Spuren arrangieren. Dabei setzte man die Samples in Form von Noten auf die einzelnen Spuren und das Programm pitchte die Samples. Dadurch veränderte sich die Tonhöhe und mit Hilfe eines Sounds ließen sich somit Melodien komponieren. Ähnlich wie bei den Programmen Rebirth oder Reason wurden die jeweiligen Musik-Stücke in einer Datei gespeichert. Diese endete auf “.mod” (Abkürzung für Module) und in diesen waren sämtliche Songdaten der Tracks, Patterns und Samples gesichert. Somit ließen sich die Songs auf Diskette abspeichern und an Freunde sowie Interessierte verteilen. In der Regel wurden die .mods wiederum via Ultimate Soundtracker geöffnet. Dadurch bekam jeder einen direkten Einblick in das Musikstück sowie seinen Aufbau und verfolgte den Ablauf wie auf einem Notenblatt. Wahrscheinlich sind Modules darum das erste Open Source-Musikformat, dass Noten samt Sounds zur weiteren Verarbeitung mitlieferten.

…und dann kam die Leitung.

Da die Modules durch das Format relativ klein gehalten wurden, stand ihrer Verbreitung nichts im Wege. Vor allem ab 1990, in welcher die Zeit der BBS-Mailbox-Szene aufblühte, tauschten die Musiker und Fans ihre Lieblings-Modules gerne schon via Telefonleitung. Mit der Entstehung des Internets nach 1994 verlagerten sich dann langsam die Kommunikations- und Distributionswege.

Um 1997/1998 entstanden dann die ersten Netlabels, die die Musik in Form der .mods zur freien Verfügung als Download anboten. Vor allem der FTP-Server ftp.scene.org, der noch heute fleißig rotiert und als Umschlagsplatz der Szene großartig nutzt, gab den Labels einen ordentlichen Schubbs nach vorne.

Erst mit der stetig und nicht aufzuhaltenden Verbreitung des mp3-Formats bahnte sich der langsame Untergang der Modules an. Zwar können Surfer noch heute jede Menge .mod- und auch .sid-Files (.sid ist das Commodore 64 Musik-Format) aus dem Netz fischen und mit Hilfe von Programmen wie Winamp abspielen. Doch Musiker und Netlabels umarmten das soundtechnisch bessere Audio-Format. Heute vertreiben Netlabels in der Regel ausschließlich die eigenen Musikstücke via mp3.

Zwischen Kitsch und Aphex-geschnetzeltem

Das wohl bekannteste und auch heute noch sehr aktive Netlabel Monotonik setzte als eines der Ersten auf den Fraunhofer Algorithmus. Für viele Modem-Benutzer war das zu Zeiten als ISDN noch als purer Luxus gehandelt wurde, ein Schlag in den Nacken. Doch für die Musiker, die auf neue Software und Hardware umgesattelt hatten, war es nur die logische Konsequenz und Weiterentwicklung für ihren Sound.

Musiktechnisch konzentriert sich Monotonik auch heute noch hauptsächlich auf IDM (Intelligent Dance Music) und der Backkatalog ist mittlerweile auf über 1.3 Gigabyte an mp3s angewachsen. Von Knochenbrecherbreakbeats im Stile von Squarepusher & Co bis hin zu melodiös-opulenten Songs von Lackluster, dem Lieblingsexport von Monotonik, findet man so einiges. Manchmal pumpt sogar auch eine 4-on-the-floor.

Der Aufstieg und Fall der mp3-Portale

1997 folgte dann der Siegeszug der mp3-Portale und allen voran mp3.com. Während an der Börse die Aktienpapiere durch die aufkommende Internet-Hysterie in schwindelerregende Höhen getrieben wurden, bot mp3.com seinen Künstlern ein großartiges Promotion-Tool an. Mit Hilfe eines kostenlosen Accounts konnten Musiker so viele ihrer Musikstücke, wie sie wollten der Online-Welt zur Verfügung stellen. Jeder Künstler durfte sich seine eigene Artist-Page zusammenstellen samt Bio, Bildern und Discografie. Dank der rasanten technologischen Entwicklung erlaubte das Portal später sogar die Möglichkeit die Herstellung von On-Demand-CDs. Das bedeutete, dass Künstler aus ihrem Katalog an hochgeladenen mp3s eine CD samt Artwork zusammenstellen konnten, die die Surfer mittels Checkkarte bestellen, bezahlen und zugeschickt bekamen.

Doch die Traumblase hielt nicht lange und zerplatze. Schließlich wurde das Geld knapp, denn ein Rechtsstreit mit der Musikindustrie schwächte das aufblähte Portal und der massive Mangel an Qualität vertrieb die Musikliebhaber.

Portal vs Netlabel vs Record Label

“Ich mag Netzmusik, weil ich die Idee mag, Musik von Künstlern, ohne Umwege Menschen zur Verfügung zu stellen, die Lust auf Musikhören haben.” inanace/ subsource.de

Schon seit Langem wurde mp3.com von Universal aufgekauft, die Artists durch immer mehr Restriktionen vertrieben bzw. eingeschränkt und auch ähnliche Portale wie besonic.com oder vitaminic.com haben längst ihren Charme verloren. An ihre Stelle treten langsam und kontinuierlich die Netlabels. Vor allem die akkuraten Preise der Webhoster für benötigten Webspace und entstehenden Webtraffic geben den privat betriebenen Labels immer mehr Möglichkeiten an die Hand. Auch die abermalige Unterstützung des FTP-Servers von scene.org erlaubt die massive Distribution der Download-intensiven mp3s.

Wie bei einem Record Label auch bietet ein Internet Label dem Künstler ein familiäres Umfeld. Da Portale wie Majors funktionieren und unterschiedliche Genres und Artists vertreiben, schaffen sie sich keine wirkliche Identität. Deswegen können sie ihre Künstler auch nicht zielgruppengerecht promoten.

Dahingegen richten sich Internet- und Recordslabels mit ihrer Struktur und Ideologie meist gezielt an ein Publikum. Neue Künstler reihen sich (hoffentlich) nahtlos in den Backkatalog ein und bereichern nicht nur das Netlabel, sondern die Musiker-Community rund um das Label. Außerdem entpuppen sich die Newsletter der Netlabel nicht als Spam-garnierte Werbezettel, sondern informieren Musikfreunde über neue aktuelle Veröffentlichungen und Konzerte.

HiFi is Paramount

Ein großer Vorteil der Netlabels zeichnet sich in der Möglichkeit aus, selbst abwegigstes Material zu veröffentlichen. Da eigentlich kein Kapital in den Sand gesetzt werden kann, ermöglicht die preiswerte Lagerung im virtuellen Raum ein großes Experimentierfeld. Das kann natürlich auch gewaltig schief laufen, weil abnehmende Release-Qualität dem Surfer genügt, um nicht wiederzukommen. Nirgends sonst in den Medien ist das Publikum so flüchtig. Das nächste Universum ist schließlich nur einen Klick entfernt. Deswegen ist Qualität ausschlaggebend, um die Fangemeinde zu halten.

Qualität dann Quantität

Glücklich können sich da die Macher des TechnoDubHouse-Labels thinnerism.com schätzen. Unter der Leitung von Sebastian Redenz schaut das Thinner Label auf eine stattliche Anzahl ganzer Alben und EPs. Über die letzten Jahre arbeitete Sebastian Redenz kontinuierlich an der Reputation von Thinner. Vor allem festigten die Jungs ihre interkontinentalen Verbindungen und bauen mittlerweile auf ein gut-funktionierendes Netzwerk. Mit Wehmut in den Augen blickt Sebastian Redenz, der selbst von sich sagt, dass er musikalisch durch das Internet sozialisiert wurde, auf den vorläufigen Höhepunkt zurück: Kanada. Gemeinsam mit den Kanadiern von Epsilonlab wurden auf zwei Touren erfolgreich via Notebook und Vinyl die Parties gerockt.

Vor allem liegt das auch an der von Anfang an hohen Auflösung der mp3s von 192kbps. Denn die Auflösung bestimmt schließlich darüber, ob ein Track auch im Club gespielt werden kann. Das wissen auch die beiden Netzfreunde: Dirk Murschall aka inanace und Martin Wisnowski aka 020200. Schließlich mischen die beiden sympathischen Musik-Nerds ihre Beats und Soundscapes seit geraumer Zeit mittels Traktor.

Nur noch eine Frage des Formats…

Wie schon geschrieben, ist mittlerweile eine Bitrate von 192kbps eigentlich Pflicht. Trotzdem bleibt noch die Frage des Formats. Marc – Prymer – Wallowy, Labelhead von Tokyo Dawn entschied sich schon früh aus ideologischen Gründen für das Open Source Format OGG Vorbis. Obendrein löschten die Betreiber relativ zeitig sämtliche Releases auf mp3.com bis auf einen Abschiedtracks, der eine Abrechnung mit der kommerziellen und unfairen Entwicklung auf dem Portal darstellte. Zwar verlor Tokyo Dawn mit der Umstellung einen Teil seines Stammpublikums, doch mittlerweile können auch moderne Mediaplayer wie z.B. der Winamp das Format lesen ohne dass weitere Plug-Ins benötigt würden.

…denn zum Schluss kommen die Emails aus Chile.

Das Internet verbindet, ermöglicht den Austausch, bietet ein potentielles Millionen-Publikum und vor allem unterstützt es die Kontrollfreaks der Netlabel. Denn nichts gibt mehr Schubkraft als Fame. Den lesen alle in ihren Einschalt- und Downloadquoten ab, weil die oft ehrlicher den Geschmack der Zuhörer ausdrücken.

Und dann ist auch die Fanpost selbst aus dem hintersten Winkel der Erde nicht mehr weit entfernt. Musik will schließlich frei sein und wenn sie gut ist kommt sie überall hin. Word up!

Ergänzungen von Ronny Pries, Sebastian Redenz und Jörg Friedrichs

Anmerkungen von Ronny Pries

“Lediglich der Bereich Entstehung enthält noch ein paar inhaltliche Lücken.

So entstanden die ersten Netlabels bzw Tracking Groups als Abkapselung von Demogruppen mit einem Überhang von Musikern, die Ihre Musik auch ohne Codingaufwand unters Volk bringen wollten. Zu erwähnen u.a.

  • Kosmic Free Music Foundation ‘91
  • Radical Rhythms ‘94
  • Five Musicians ‘95
  • Phase D! ‘95
  • N.O.I.S.E. ‘95

Ich entsinne mich noch an sehr hitzige Diskussionen auf diversen BBS’ zwischen Groupleadnern und Musikern, die ihre .mods gerne auch ohne Produktion (also programm) drumherum veröffentlichen wollten. Was als sehr uncool und unoffiziell rüberkam. Dafür wollten die meisten ihre etablierten Groupnamen nicht hergeben. In so einer Situtation war ich letztlich bei Alphaflight selbst.

Ein sehr gutes Archiv an Musik bot zu BBS Zeiten die TECS, obgleich das System nicht wirklich sehr szenig daherkam. Die gibt’s btw immer noch > www.tecs.de. Sehr geil!

Vor scene.org war das Hornet Archive im Internet der Anlaufpunkt Nr.1 im Netz. Die gesammelten Werke findet man heutzutage noch auf scene.org. Beliebt war auch Stack.nl.”

Anmerkungen von Sebastian Redenz

“pigforce.warande.net war auch sehr wichtig für die netlabels die keinen scene.org account hatten – spontan erinnere ich mich an subsonic / sol monotone (wo ich meinen ersten track rausgebracht hatte) und auch thinner. leider gibt es den server heute nicht mehr.”

Anmerkungen von Jörg Friedrichs

“Ebenfalls sehr wichtige und einflussreiche Netlabel mit Wurzeln in der Tracker-Scene waren DopeDesign und Chill, beide ebenfalls entstanden zwischen 95/96. Vor allem cool dadurch, dass sie quasi mit ihren XM und IT-Formaten OpenSource-Musik-Dateien veröffentlicht haben, die nicht nur zum Hören interessant waren, sondern auch um nachzuvollziehen, wie die Musiker ihre Stücke arrangiert hatten … und zum Samples entleihen bzw. remixen.

Es gab auch TrackerRinge, in die man sich als Netlabel (damals gab es den Begriff so noch nicht) eintragen konnte, und so von Gruppe zu Gruppe durchklicken und supporten konnte. War schon echt spannend damals, war noch vor Thinner, und TDR kam damals auch erst grade neu auf.”

Über den Autor

Moritz »mo.« Sauer Dieser Artikel wurde am von geschrieben. Moritz »mo.« Sauer ist Journalist, Dozent, Coach und Webdesigner. Als Internetexperte schreibt der Kölner Buchautor nicht nur Bücher für O'Reilly, sondern berät und coacht Unternehmen im Bereich Online-Publishing und Social Media.

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