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Netlabels, Netaudio & Creative Commons Musik
Titelbild Netlabelmania 2.0 – Quantität erstickt Qualität

Netlabelmania 2.0 – Quantität erstickt Qualität

Netlabel und Qualität

Älterer Artikel aus der de:bug | Beäugt man die Entwicklungen der Netlabels einmal kritisch, stehen einem die Haare zu Berge. Was für viele Fans und Unterstützer als Revolution des Musikvertriebes galt, hat sich bis heute noch nicht bewahrheitet.

Schlagworte: creative commons, musik, diskussion, debatte, qualität

Beäugt man die Entwicklungen der Netlabels einmal kritisch, stehen einem die Haare zu Berge. Was für viele Fans und Unterstützer als Revolution des Musikvertriebes galt, hat sich bis heute noch nicht bewahrheitet. Es ist Zeit für Eigenkritik jenseits gefühlsduseliger Lobhudelei, um den Blick für die Zukunft zu schärfen.

Text: Moritz „mo.“ Sauer | Datum: 25.01.2006

Das Netlabel-Phänomen ähnelt den Entwicklungen der sogenannten Blogosphäre und könnte fast unter dem Punkt Personal Publishing abgehandelt werden. Denn jeder kann ein Netlabel aufziehen, Musik online stellen und das ohne relevante Kosten – spätestens seitdem es archive.org gibt. Dabei entstehen wie bei Weblogs jede Menge vernachlässigte Netlabel-Leichen, Veröffentlichungen, die so spannend sind wie Marlas persönliche Meine-Katze-Und-Ich-Einträge sowie eine wenig kritische extrovertierte Nabelschau. So wächst das Rauschen im Netz und für qualitative Sounds gräbt man wie nichts mal eben 5 Gigabytes an MP3s durch. Spam-Filter sind angesagt.

Netlabels im Rückspiegel

Netlabels selbst gibt es grob geschätzt seit 10 Jahren. Zu den beiden ältesten gehören Monotonik und Tokyo Dawn, letzteres seit 1997. Dabei entstanden die Netlabels aus der Demos-Szene – einer Community aus Programmierern. Ähnlich wie im HipHop trafen die Computer-Nerds auf Conventions aufeinander und zeigten ihr Können in Form von programmierten Echtzeit-Videoclips. Für die richtige Untermalung der virtuellen Welten sorgte in Tracker-Programmen komponierte Musik, die später von vielen leidenschaftlich gesammelt wurde. Der Schritt die Werke auf einer Website zu versammeln und ihnen ein Logo zu geben, war der konsequente nächste Schritt.

Heute haben sich die meisten Netlabels von diesen Wurzeln gelöst oder nie besessen. Gemeinsam ist dahingegen fast allen Netlabels die Form des freien Vertriebs sowie der Wunsch die eigene Musik publik zu machen. Die digitalen Plattformen bieten einerseits Musikern aus den hintersten Winkeln der Welt ihre Musik weltweit zu promoten und andererseits zuhause im stillen Kämmerlein vor sich hinwerkeln ohne je einen Fuß auf eine Bühne oder in einen Club setzen zu müssen.

Online Vertrieb: Archive.org versus Scene.org

Ohne die beiden Datengiganten und Music-For-Free-Exporteure Archive.org und Scene.org wäre heute eine Netlabel-Szene unmöglich – jedenfalls eine so riesige. Denn beide Plattformen übernehmen und organisieren den Datenverkehr, der mittlerweile Terrabyte-Status erreicht hat. Rechnet man zum Beispiel die ausgelieferte Datenmenge nur eines Releases des DubTechno-Netlabels Thinner hoch, so kommt man auf krasse Zahlen. So produzierte bis dato alleine der Track „Azkoyen“ des letzten Digitalis-Release (thn079) mit ca. 6000 Downloads ungefähr 44 Gigabyte an Traffic. Rechnet man dazu noch, dass das Release 10 Tracks beinhaltet, kommen wir auf 440 Gig. Wooyay! Und das bei nur einem Release. Dabei haben wir noch nicht einmal die weiteren Downloads berechnet, die auf der anderen Seite archive.org ausgeliefert hat. Kein Wunder also, das scene.org erst einmal die Pforten für neue Netlabels dicht gemacht hat.

Die kostenlosen FTP-Parkplätze sind aber auf eine gewisse Weise auch für den immensen Musikschrott der Netlabel-Szene schuld, sofern man überhaupt von einer zusammengehörigen Szene sprechen kann. Hier handeln viele Möchtegernmusiker und -Labels nach dem Grundsatz „Man kann’s ja mal hochladen- kostet ja nix!“.

Der Tod zweier Genres

Inspiziert man Netlabels genauer, so fallen einem vor allem zwei Genres auf: „DubTechno“ und „Experimental“. In einem Gespräch mit dem schweizer Ur-Podcaster und Unterstützer der Netlabel-Szene Markus „Kus“ Koller von starfrosch.ch gibt es mittlerweile kaum sinnentleertere Begriffe. Nach Kus liegt es vor allem an der einfachen und schnellen Produktionsweise von DubHouseTechno, dass der Sound dermaßen auf Netlabels überhand genommen hat. „Man könnte es auch ‚Simple Tech’ nennen.“ witzelt er. Richtig aufgegeben hat er dabei den experimentellen Sektor der elektronischen Musik, weil hier die Frage besteht „Was ist gut und was ist schlecht?!?“. Wann lohnt es sich, sich mit einer schwierigen experimentellen Veröffentlichung auseinanderzusetzen, wenn man nicht weiß, ob es sich einfach nur um sinnlos-fabriziertes Knistern handelt.

Als Hörer sucht man bei vielen Netlabel-Veröffentlichungen nach dem musikalischen Geschick, nach sound-technischen Innovationen plus Kompositionskunst. Mit ein wenig Abstand betrachtet, stürzen darüber hinaus die meisten Releases auch in den Produktionsstandards massiv ab und halten lange nicht mit „kommerziellen“ Veröffentlichungen auf Vinyl und CD mit. Ein Grund ist hierbei oft der gänzliche Verzicht auf ein (abgewogenes) Mastering.

MP3-Blogs und Netaudio-DJs: Die A&R-Filter der „Szene“

Netaudio-DJs und MP3-Blogs sind die wahren Helden der Szene. Sie lassen den Begriff des „Music-Diggings“ wieder aufleben. Mit Leidenschaft wird gesaugt, abgehört und abgeschöpft, was hörenswert ist und der Aufmerksamkeit bedarf. Angeschoben vom ersten ernstgemeinten Netaudio-DJ Dirk „[in]anace“ Murschall entstehen immer mehr Netaudio-Mixe. Im Mash-Up-Bizniz ermöglichen gerade die CC-lizensierten Musikstücke eine Weiterverwendung und -entwicklung. Immer beliebter werden hierbei auch Netlabels, die ausschließlich DJ-Sets veröffentlichen. Allen voran subsource.de und zerinnerung.de.

Zum zweiten Arm des Filterns gehören MP3-Blogs. Einen RSS-Feed oder einen Podcast des jeweiligen Blogs könnte man sozusagen als Netaudio-Spamfilter betrachten. Ein Abo genügt, und der Sound kommt frei Haus – gefiltert versteht sich ;)

Vielleicht werden im Endeffekt die Blogs das Phänomen „Netlabel“ bekannt machen. Neulinge verlieren all zu schnell die Lust im Wust der Veröffentlichungen. Der hier bereits oft zitierte Musikschrott macht nicht gerade Laune und hinterlässt beim Begriff Netlabel einen schalen Geschmack. Da lässt man sich doch lieber beliefern. Und spätestens dann wird es für Netlabels schwierig, wenn nämlich nur noch die MP3s per Podcast gezogen werden.

Ein wenig Zuversicht und Sonne!

Trotz vieler Schattenseiten werden Netlabels ein großes Thema bleiben. Schließlich ist es eine große Chance für jeden Personal-Music-Publishing zu betreiben. Obendrein wird es ein weiteres enormes Wachstum geben, und das bietet vor allem ernstgemeinten Netlabels eine gewaltige Chance sich aus der Masse der unterirdischen Mäßigkeit hervorzuheben. Das wichtigste Mittel ist hierbei die Eigenkritik und die Fähigkeit nicht alles zu releasen, was brav auf der heimischen Festplatte liegen bleiben sollte. Pi mal Daumen, behaupten Labelheads wie Prymer von Tokyo Dawn, sollte man von 10 Tracks eigentlich nur einen veröffentlichen.

Deswegen sollte Qualität und ein gewieftes Promoten und Netzwerken mit den Netaudio-DJs und MP3-Blogs jedes ernstgemeinte Label nach vorne bringen. Und spätestens dann spitzen auch wir die Ohren und freuen uns über eine gelungene Musikveröffentlichung, die nicht nach kurzem Hören wieder im digitalen Nirvana unseres Papierkorbs verschwindet.

Über den Autor

Moritz »mo.« Sauer Dieser Artikel wurde am von geschrieben. Moritz »mo.« Sauer ist Journalist, Dozent, Coach und Webdesigner. Als Internetexperte schreibt der Kölner Buchautor nicht nur Bücher für O'Reilly, sondern berät und coacht Unternehmen im Bereich Online-Publishing und Social Media.

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