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Netlabels, Netaudio & Creative Commons Musik
Titelbild Ambient// MP3 Creative Commons Musik // Nest

Ambient// MP3 Creative Commons Musik // Nest

Cineastischer Ambient

Das Walisische Serein-Netlabel fällt immer wieder mit Veröffentlichungen auf, die Experimentierfreudigkeit mit großer Eingängigkeit vereinen. Wer sich an ambienter Musik abseits des esoterischen Mainstreams erfreut, kennt das Label sowieso. Katalognummer 13 ist nun eine EP des Duos Nest, das neben dem Norweger Otto Totland (Deaf Center) aus Huw Roberts, dem Labelmacher selbst, besteht.

Schlagworte: creative commons, musik, download, mp3, ambient, nest, serein

Nest - Nest (Serein Netlabel)

Text: Sven Swift

Was ist nun aus dem Zusammentreffen zweier ausgebildeter Pianisten zu erwarten? Nun, im Falle von Totland und Roberts fällt die Beantwortung dieser anscheinend rhetorischen Frage gar nicht so leicht. »Lodge« startet mit sanften Pianoanschlägen, dicht über den Saiten mikrofoniert. Dezente Störgeräusche erklingen aus dem Hinterzimmer, eine seltsamer Flächensound zwischen Alphorn und Viola komplementiert das Pianomotiv harmonisch. Kurz schwillt ein Sägezahnwellen-Synthesizer an, dann endet die konzentrierte Studie.

Der zweite Songs heißt »Kyoto«, und tatsächlich ist japanische Kammermusik der erste Eindruck des geneigten Hörers. Durchsetzt von zart pulsierenden Drones und Emil Klotzsch-artigen Field Recordings ertönt dsa walisische Instrument namens Triple Harp in feinen Harmonien zwischen E und U. Erinnert mich sehr an die letzten beiden Kreidler-Alben. »Marefjellet« bringt danach den intimen Klavier-Sound des ersten Stückes mit der asiatisch anmutenden Melodien des zweiten zusammen. Gemeinsam mit den bedrohlichen Streicher-Appregios wirkt der Song sehr nah an Filmmusik und hat viel von unkonventionellen Komponisten wie Arvo Pärt oder Moondog (v.a. im dritten Drittel).

Die B-Seite wird mit »Charlotte« eingeleitet. Das Piano domiert hier wieder als Instrument. Insgesamt lichtet sich die Stimmung etwas im Vergleich mit den drei vorhergegangenen Stücken. Besonders fallen mir die hohen 70er Jahre Synthesizer-Streicher auf. Den Höhepunkt erreicht die selbstbetitelte EP jedoch mit »Cad Goddeu« (nach einem Walisischen Traditional, etwa »Schlacht der Bäume«). Eine seltsam amorphe Ambient-Komposition aus langsam schwelenden Klangschichten. Prozessierte Streicher, die wie Mückenschwärme über indifferenten Harmonieclustern schweben, konzentrische Loops vereinzelter Klarinettentöne, eine schüchterene Piano-Melodie. Groß!

Nahe dem frühen Marsen Jules (vgl. »Yara«), aber so nervenzehrend wie eine Morricone-Komposition. »Trans Siberian« schließlich nimmt die brodelnde Dunkelheit von »Cad Goddeu« auf und überführt das Stück in eine Atmosphäre entspannter Spätsommerlichkeit. Ein guter Rausschmeißer.

Totland und Roberts fusionieren leichfüßige Kammermusik, Minimal Music und experimentellen Ambient. Und das auf so stilsichere Weise, das es mich doch sehr wundern würde, wenn man von den Beiden in Zukunft nicht noch mehr hören sollte! Chapeau.

Lodge
Kyoto
Marefjellet
Charlotte
Cad Goddeu
Trans Siberian

MP3 // Download // Informationen

Über den Autor

Moritz »mo.« Sauer Dieser Artikel wurde am von geschrieben. Moritz »mo.« Sauer ist Journalist, Dozent, Coach und Webdesigner. Als Internetexperte schreibt der Kölner Buchautor nicht nur Bücher für O'Reilly, sondern berät und coacht Unternehmen im Bereich Online-Publishing und Social Media.

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